1801 – der Beginn eines Jahrhunderts pulsierenden Wandels, der industriellen Revolution, der sich rasant entwickelnden Wissenschaften und damit voller Wunder, Wahnsinn, Größenwahn und außergewöhnlicher Persönlichkeiten. Es scheint als sei zu entscheiden, wer den wildesten Plan oder die verrückteste Idee hat – Napoleon krönt sich selbst zum Kaiser von Frankreich, Chabert zum König des Feuers. Letzterer isst Streichhölzer, trinkt kochendes Öl und streicht sich mit einem glühenden Eisen über Haare, Gesicht und Zunge. Womit er keinem anderen irgendwelchen Schaden zufügt, im Gegensatz zu den ca. 3,5 Millionen Toten, die die Feldzüge Napoleons verursachen.
Um da mithalten zu können, müssen sich die Zauberkünstler schon etwas einfallen lassen.
Der Amerikaner Potter kann Stimmen erzeugen, die von überall her zu kommen scheinen, so lässt er eine weit von ihm entfernte Henne ein Liedchen singen oder einen Hund sich über seinen Besitzer
lustig machen.
Man trifft auf ein gelehriges Schwein, das die Befehle seines Trainers Mr. Nicholson versteht, welcher auch einer Schildkröte beigebracht hat, versteckte Gegenstände zu finden.
Menschen, Tiere, Sensationen – es ist nicht ganz leicht, die Aufmerksamkeit des von allerlei Spektakulärem verwöhnten Publikums auf sich zu ziehen.
Dem 1801 in Wien geboren Ludwig Döbler gelingt dies durch Charme, Einfallsreichtum und Elektrizität. Er ist gerade zwanzig Jahre alt und die Stadt liegt ihm zu Füßen, an denen er eine
Seidenstrumpfhose und elegante Lackschuhe trägt, wenn er die Bühne in eng anliegenden Knickerbockern und einer kurzen Samtjacke betritt. Seine Eleganz und Liebenswürdigkeit machen ihn zum idealen
Schwiegersohn der Wiener Mütter. Und auch deren Töchter schwärmen von Ludwig und machen ihn zum Idol der Stadt.
Seine Kunststücke und Illusionen tun ihr Übriges.
Zu Beginn seines Auftritts liegt der Theaterraum im Dunkeln. Man kann gerade noch eine Gestalt erkennen, die mit einer großen Pistole bewaffnet ist. Plötzlich ein Schuss und zweihundert Kerzen
erleuchten die Bühne und den Zauberkünstler.
Heutzutage weiß jedes Kind, dass ein solcher Effekt durch einfaches Umlegen eines Schalters bewerkstelligt werden kann. Aber in jenen Tagen, als Elektrizität noch praktisch unbekannt war, wird
ein solcher Trick mit stehenden Ovationen bedacht.
Ludwig gilt als einer der vornehmsten Zauberkünstler seiner Zeit und er verkehrt in höchsten Kreisen. Mit seiner Kunst begeistert er u.a. Kaiser Franz II., den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV.
und auch Königin Victoria von England.
„Bedarfs noch ein Diplom besiegelt? Unmögliches hast du uns vorgespiegelt“ schreibt ein faszinierter Goethe, auf dessen Einladung Ludwig im kleinen Kreis Taschenspielertricks gezeigt hat.
Ludwig ist auch Wissenschaftler und Erfinder. Zu seinem Repertoire gehört beispielsweise die Wasserflasche, aus der er ebenfalls Champagner, Sherry und verschiedene Liköre ausschenken kann und
sobald die Flasche zerbrochen wird, findet sich darin das zuvor verschwundene Taschentuch eines Zuschauers.
Mit seiner “Laterna magica“ erzeugt er bewegte Bilder und gilt deshalb heute als einer der frühen Pioniere des Kinofilms.
Und er ist geschäftstüchtig: Es gibt Döbler-Zigaretten, Döbler-Krawatten, sogar Döbler-Torten und vieles andere mehr.
Mit seiner Kunst und viel Geschick erwirbt er ein stattliches Vermögen und kauft ein Gut in Niederösterreich, auf das er sich mit 47 Jahren zurückzieht und seine Karriere als Zauberkünstler
beendet.
Der gefeierte weltläufige Großbürger widmet sich von nun an dem Gemeinwohl, wird zum Bürgermeister und leistet handfeste kommunalpolitische Entwicklungsarbeit, für die ihn das Kaiserhaus 1854 mit
dem goldenen Verdienstkreuz auszeichnet. Eine Straße in Wien wird nach ihm benannt und zu seinem 200. Geburtstag gibt die Österreichische Post eine Sondermarke heraus.
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Quellen:
Angel Idigoras: Adventures of 51 Magicians and a Fakir
Zauber-Lexikon
www.