Klingt es Ihnen noch in den Ohren – Chang – Cheng – Ching – Chong – Chung? –Wenn nicht, dann blättern Sie einfach zurück zu Teil 35 dieser Serie. Und am besten lesen Sie auch gleich noch einmal die beiden darauf folgenden Kurzportraits Nr. 36 und 37. Damit haben wir dann Ching und Chung bereits erledigt und können uns heute Chang widmen.
Juan José Pablo Jesorum wird am 2. Dezember 1889 in Panama-Stadt geboren. Sein Vater ist chinesischer Herkunft, seine Mutter Panamaerin. Schon in jungen Jahren werden seine jüngere Schwester und
er zu Waisen. Um für sie beide den Lebensunterhalt zu verdienen, heuert Pablo bei der Gesellschaft an, die in seinem Land gerade dabei ist, zwei Ozeane mittels eines gewaltigen Bauwerks zu
verbinden, das Schiffen künftig ersparen soll, die halbe Welt umfahren zu müssen.
Und er hat Glück. Er muss nicht mit der Spitzhacke gegen die Widerstände der Geologie antreten, gegen sintflutartige Regenfälle, ansteckende Krankheiten, Insektenstiche, Schlangen und andere
Widernisse, sondern er wird im Büro eingesetzt – in Colón, dem karibischen Zugang zum Kanal. Dieses Privileg hat er wohl seinen Sprachkenntnissen zu verdanken, denn er spricht neben Spanisch auch
Englisch. Eines schönen Tages im Jahre 1907 bleibt er wie gebannt vor einem Plakat stehen, das die Ankunft des Zauberkünstler Raymond in Colón ankündigt.
Pablo hat keine Ahnung, wer dieser Raymond eigentlich ist, aber er beschließt, noch am selben Abend ins Theater zu gehen. Und er ist von Raymonds Kunststücken fasziniert und hingerissen. Sein
Geld reicht gerade noch für einen weiteren Besuch am nächsten Abend, doch für Raymonds dritte und letzte Vorstellung muss er sich etwas einfallen lassen.
Wegen der allgegenwärtigen Brandgefahr ist im Theater die Anwesenheit von Feuerwehrleuten erforderlich. Der Türsteher schöpft keinen Verdacht, als sich kurz vor der Vorstellung ein junger
Feuerwehrmann an ihm vorbei drängt. Der falsche Feuerwehrmann Pablo versteckt sich hinter den Kulissen, um die Vorstellung beobachten zu können. Doch plötzlich hört er Rufe auf Englisch, die
offenbar ihm gelten und ihn auffordern, den Platz zu verlassen, da sich dort niemand aufhalten dürfe. Pablo antwortet, ebenfalls auf Englisch, er tue nur seine Pflicht und sichere den Bereich.
Doch wegen der beinahe kindlichen Gesichtszüge des Eindringlings hat Raymond längst erkannt, dass dieser Feuerwehrmann nicht echt ist und dies bringt er deutlich zum Ausdruck. Beschämt läuft der
Junge davon.
Einige Tage später erlebt Pablo, der schon von Raymonds Zauberkunst völlig überrascht wurde, eine noch viel größere Überraschung. Raymond selbst erscheint bei ihm und schlägt ihm vor, ihn auf
seiner Südamerika-Tournee als Dolmetscher und Assistent zu begleiten. Man kann sich denken, wie Pablos Antwort lautet.
Die Tournee dauert vier Jahre und führt durch Asien, Europa und Afrika. Dabei lässt Pablo keine Gelegenheit aus, die Zauberkunst zu studieren und zu erlernen. Als The Great Pablo probiert er
vieles und auch verschiedene Persönlichkeits-Stile aus. Schließlich entscheidet er sich, künftig als orientalischer Zauberkünstler aufzutreten; somit in einer Rolle, bei der sein chinesischer
Vater Pate steht und in der Geheimnisvolles bereits mit dem Namen beginnt. Dem Zeitgeist und der weitverbreiteten Faszination für orientalisch wirkende Zauberkunst entsprechend, verwandelt sich
der panamaische Great Pablo in den chinesischen Zauberkünstler Li Ho Chang.
Nebenbei: Li Ho Chang sollte man nicht verwechseln mit Li-Chang aus Spanien. In der Zaubergeschichte wurden lange diese beiden Künstler durcheinandergebracht: unser Protagonist, Li Ho Chang aus
Panama und der spanische Zauberkünstler Joan Forns, der etwa zur gleichen Zeit als Li-Chang auftrat. – Und dann gibt es auch noch Lu Chang Fu, der mit der South China Truppe durch die 1930er
Jahre tourt. – Der Zauberkünstler Li H'sen Chang ist allerdings eine fiktive Figur aus der britischen Science-Fiction-Serie Doctor Who. – Aber wie gesagt, dies nur nebenbei.
Schon bald legt Li Ho Chang das Li Ho ab und bereist als Chang die Welt. Gewöhnlich stürmt er auf die Bühne oder erscheint blitzartig in einem luxuriösen Kimono und mit Mandarinhut. Nach jedem
Kunststück legt Chang seinen Kimono ab und führt das nächste Wunder in einem anderen darunter getragenen Kimono vor. Wenn er in einem grünen Kimono mit chinesischem Laternenmuster einen Korb mit
Enten erscheinen lässt, erzeugt er anschließend in einem blauen Kimono mit Drachenmotiven aus dem Nichts heraus eine nicht endend wollende Fontäne. Abgesehen davon, dass er damit das Publikum
verblüfft, verschafft ihm diese Vorgehensweise eine sehr wertvolle Sammlung von Kimonos, von denen einige aus den Werkstätten der Hofschneider früherer Dynastien stammen sollen.
Chang ist ein Großillusionist mit abendfüllender Revue. Seine Show ist farbenprächtig, sie arbeitet mit Schwarzlicht, Geister- und Höllenmotiven, Tanzszenen, großen Illusionen und spektakulärer
Beleuchtung. Ständig wechseln die chinesischen Hintergründe, orientalische Apparate und Kostüme bei Wundern wie „Höllenhöhlen“', „Tanz der Skelette“, „Die Hinrichtung einer Lady“, „Eine Lektion
im Verwirrtwerden“ oder „Sherezade und der Sultan“.
Alle Kunststücke werden mit solcher Eleganz und Ruhe ausgeführt, dass man ihn bald den „Ehrenwerten Chang“ nennt oder als „Chang: Mensch oder Dämon?“ ankündigt. Einen Höhepunkt erreicht seine
Karriere als er zwischen 1935 und 1937 in Argentinien auftritt. Er reist mit 40 Tonnen Ausrüstung und mehr als 30 Mitwirkenden an und gibt im Teatro Avenida in Buenos Aires 610
aufeinanderfolgende Vorstellungen.
Obwohl Chang zu dem Zauberkünstler wird, der in der Geschichte der Zauberkunst das meiste Geld verdient, ist er mehr als einmal ruiniert – wegen seiner Vorliebe für seltsame Geschäfte und
ebensolche Damen.
Und obwohl er ein Großillusionist von internationaler Bedeutung ist, wird sein Name deutlich weniger bekannt werden als die Namen von Houdini, Thurston oder Dante.
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Quellen:
Angel Idigoras: Adventures of 51 Magicians and a Fakir
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